Seine Kinder nennen ihn Mapa. Mama oder Papa? Beides. Del LaGrace Volcano lebt in einem Reihenhaus im schwedischen Örebro, seine Kinder sind vier und sechs Jahre alt. Er ist Fotograf, Aktivist, und er ist intersexuell. Es ist okay für Del, wenn er in dieser Geschichte »er« heißt. Dabei ließen ihn seine Eltern als Mädchen aufwachsen, Debbie:
Intersexuelle Menschen wie Del kommen mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt. Wie oft das passiert? Es gibt keine verlässliche Statistik. Schätzungen zufolge ist in Deutschland jedes 100. bis 500. Kind intergeschlechtlich.
Das biologische Geschlecht entwickelt sich erst ab der siebten Schwangerschaftswoche. Davor sind die Embryonen weder männlich noch weiblich:
Die Geschlechtsentwicklung ist mit der Geburt jedoch nicht abgeschlossen: Brüste, Bartwuchs – die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale beginnt erst mit der Pubertät. Und erst die Kombination von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen und Chromosomensatz bestimmen, ob ein Mensch biologisch männlich oder weiblich ist. Oder eben beides. Manche erfahren von ihrer Intersexualität nie. Manche andere, wie Del, erst sehr spät:
Wenn man in einem anderen Körper aufwächst als alle in deinem Umfeld, dann hat man das Gefühl, ihn verstecken zu müssen.
Es war nicht einfach, ein Mädchen mit Bart zu sein. Ich riss mir die Härchen jeden Tag aus und versteckte mich dabei vor den anderen Teenagern.
Ich hatte kein besonders großes Selbstbewusstsein. Durch die Fotografie und insbesondere durch die Selbstporträts lernte ich, Bilder von mir zu machen, die ich gerne hatte, die ich ertragen konnte.
Durch diese Fotos konnte ich in einer Welt sichtbar sein, die mich auszulöschen versuchte.
Auch heute fotografiere ich mich noch selbst. Im Moment arbeite ich am Projekt ›Inter-Me‹, dabei geht es auch viel um das Altern meines nicht binären, hermaphroditischen Körpers.
Mein Körper veränderte sich, ich habe mich mit 60 Kilogramm bis 86 Kilogramm porträtiert. Die Bilder zeigen keine perfekten Körper. In meinen 61 Jahren habe ich viele Geschlechter in mir vereint. Jede Person, jedes Bild davon bin ich.
Die Eltern? Sind oft überfordert damit, auf die Frage »Was ist es?« keine eindeutige Antwort zu kennen und haben Angst davor, dass das Kind später ausgegrenzt wird. Das Bedürfnis, das Kind operieren zu lassen, ist in vielen Fällen groß.
Seit den 1960er-Jahren wurden intersexuelle Babys und Kleinkinder Operationen unterzogen, die das Geschlecht angleichen sollten. In den meisten Fällen machten die Ärzte sie zu Mädchen. Es ist medizinisch leichter, eine sogenannte Neovagina zu formen, die Klitoris zu verkleinern und Hoden zu entfernen, als einen Penis nachzubilden.
Damit die künstliche Vagina nach der OP nicht wieder zusammenwächst, muss sie regelmäßig gedehnt, also mit einem Dildo oder den Fingern der Eltern penetriert werden. Und oft bleibt es nicht bei der einen Operation.
Die Betroffenen leiden unter Vernarbungen oder Verstümmelungen. Weil die Ärzte Organe entfernen, die weibliche oder männliche Hormone produzieren, müssen viele ein Leben lang Hormone schlucken.
Solche Eingriffe stuft Amnesty International als Verstoß gegen die Uno-Kinderrechtskonvention ein. Auch der Uno-Ausschuss gegen Folter fordert, bei kosmetischen Genitaloperationen an Kindern rechtliche und medizinische Standards einzuhalten. Doch trotz jahrelanger und massiver Proteste ist die Zahl der Operationen nicht maßgeblich zurückgegangen.
Dabei ändert sich gerade viel: Facebook bietet 60 Auswahlmöglichkeiten zur Selbstbezeichnung. In Deutschland muss bis Ende des Jahres eine dritte Option im Geburtenregister vorgesehen sein. Laut Gesetzentwurf soll es neben »männlich« und »weiblich« das Feld »divers« geben.
Del LaGrace Volcano verwendet als Pronomen nicht »er« oder »sie«, sondern »hen«. Es ist das offizielle dritte Pronomen für Intersexuelle in Schweden. Was seine Kinder sind? Mädchen oder Junge? »Das ist nicht wichtig«, sagt LaGrace Volcano.
So wie er allen Nachbarn und Bekannten »Mapa« erklärt, erklärt LaGrace Volcano seine Intersexualität. Ständig. Weil so viele so wenig darüber wissen.
»Es fängt schon bei den Kindern an«, sagt LaGrace Volcano. Kleidung, Spielzeug, Farben – alles ist geschlechtsspezifisch. »Aber warum behandelst Du mein Kind danach, was es deiner Meinung nach zwischen den Beinen hat?«
Autorin, Kamera und Schnitt Helena Lea Manhartsberger
Zusätzliche Fotos Del LaGrace Volcano
Grafiken Jennifer Friedrichs
Motion Design, Programmierung Lorenz Kiefer
Dokumentation Viola Broecker, Ursula Wamser, Vasilios Papadopoulos
Redaktion Jens Radü